Friedrichshain und Kreuzberg sind zwei Bezirksteile, die lange durch die Mauer getrennt waren und doch denselben rebellischen Ruf teilen. Wer hier aufwuchs, lebte oder arbeitete, prägte oft eine ganze Epoche mit, ob in der Literatur, in der Politik oder in der Musik. Die Liste der bekannten Personen reicht vom Dichter der Moderne bis zur Fernsehmoderatorin, die heute viele kennen.
Auffällig ist, wie viele dieser Lebenswege an konkreten Orten ablesbar bleiben. Ein Platz heißt heute nach einem Sänger, eine Straße nach einem Studentenführer, eine Gedenktafel erinnert an einen Arzt und Dichter. Die folgenden Porträts erzählen von Menschen, deren Spuren sich bis heute zwischen Oranienstraße und Boxhagener Platz finden lassen.
1. Jakob van Hoddis

- Lebensdaten: 1887 bis 1942
- Funktion: Dichter des Expressionismus
- Friedrichshain-Bezug: in Friedrichshain geboren
- Bekannt für: das Gedicht Weltende von 1911
Jakob van Hoddis kam 1887 als Hans Davidsohn in Friedrichshain zur Welt, sein Künstlername ist ein Anagramm des Nachnamens. Mit dem Gedicht Weltende, 1911 veröffentlicht, schrieb er einen der berühmtesten Texte des literarischen Expressionismus und beeinflusste eine ganze Dichtergeneration.1
Sein Leben endete tragisch. Als Jude und psychisch Kranker konnte er nicht emigrieren und wurde 1942 aus einer Heilanstalt deportiert und ermordet. Geblieben ist ein schmales, aber wirkmächtiges Werk, das bis heute in Schulen gelesen wird.
2. Werner Seelenbinder
- Lebensdaten: 1904 bis 1944
- Funktion: Ringer und Widerstandskämpfer
- Friedrichshain-Bezug: aufgewachsen und trainiert in Friedrichshain
- Heute: zahlreiche nach ihm benannte Sportstätten
Werner Seelenbinder zog 1909 mit seiner Familie nach Friedrichshain, wo seine Eltern ein Geschäft eröffneten. Beim Athletik-Club Eiche 1900 in Friedrichshain begann er mit dem Ringen und stieg zu einem der besten deutschen Schwergewichtler seiner Zeit auf.2
Als überzeugter Kommunist nutzte Seelenbinder seine sportlichen Auftritte zur Tarnung für Widerstandsarbeit gegen das NS-Regime. 1944 wurde er hingerichtet. Heute tragen Sportanlagen in mehreren Städten seinen Namen.
3. Gottfried Benn

- Lebensdaten: 1886 bis 1956
- Funktion: Arzt und Dichter
- Kreuzberg-Bezug: Praxis am Mehringdamm
- Spuren heute: Gedenktafel am Mehringdamm 38
Gottfried Benn führte von 1912 bis 1935 eine Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der damaligen Belle-Alliance-Straße 12, dem heutigen Mehringdamm 38 in Kreuzberg. Achtzehn Jahre lang verband er hier den Alltag als Arzt mit der Arbeit als einer der wichtigsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts.3
Seine frühen expressionistischen Gedichte machten ihn berühmt, später wurde er zu einer umstrittenen, prägenden Stimme der Nachkriegsliteratur. Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel an seiner Kreuzberger Wirkungsstätte an ihn.
4. Rio Reiser
- Lebensdaten: 1950 bis 1996
- Funktion: Sänger von Ton Steine Scherben
- Kreuzberg-Bezug: lebte und wirkte in SO 36
- Spuren heute: Rio-Reiser-Platz in Kreuzberg
Rio Reiser gründete im Sommer 1970 mit Ton Steine Scherben eine der einflussreichsten deutschen Rockbands. Er lebte im Kiez SO 36 und schrieb mit dem Rauch-Haus-Song eine Hymne der Hausbesetzerbewegung, die das politische Kreuzberg der siebziger Jahre prägte.4
Sein Lied Macht kaputt, was euch kaputt macht wurde zum Sound der Revolte. 2022 benannte der Bezirk den früheren Heinrichplatz in Rio-Reiser-Platz um und setzte dem Musiker damit ein dauerhaftes Denkmal.
5. Aras Ören

- geboren 1939
- Funktion: Schriftsteller
- Kreuzberg-Bezug: Chronist des türkischen Kreuzberg
- Bekannt für: Was will Niyazi in der Naunynstraße
Aras Ören kam 1939 in Istanbul zur Welt und zog 1969 nach Berlin. In seinem Langgedicht Was will Niyazi in der Naunynstraße schilderte er 1973 das Leben der türkischen Einwanderer in Kreuzberg und gilt seither als wichtigste literarische Stimme dieses Milieus.5
Über Jahrzehnte leitete er die türkische Redaktion des Senders Freies Berlin und schrieb seine sogenannte Berlin-Trilogie. 1985 erhielt er als Erster den Adelbert-von-Chamisso-Preis.
6. Rudi Dutschke

- Lebensdaten: 1940 bis 1979
- Funktion: Wortführer der Studentenbewegung
- Kreuzberg-Bezug: Attentat nahe dem Springer-Haus
- Spuren heute: Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg
Rudi Dutschke war die zentrale Figur der westdeutschen Studentenbewegung der späten sechziger Jahre. Sein Protest richtete sich auch gegen den Springer-Verlag, dessen Hochhaus am Rand von Kreuzberg steht.6
1968 wurde Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt, an dessen Spätfolgen er 1979 starb. Auf Vorschlag der Tageszeitung taz wurde 2008 eine Straße in Kreuzberg nach ihm benannt, die direkt auf die Axel-Springer-Straße trifft.
7. Nick Cave

- geboren 1957
- Funktion: Musiker und Songwriter
- Kreuzberg-Bezug: lebte in den achtziger Jahren in Kreuzberg
- Bekannt für: Nick Cave and the Bad Seeds
Der australische Musiker Nick Cave kam 1982 mit seiner Band The Birthday Party nach West-Berlin und wohnte in Kreuzberg, unter anderem in der Dresdener Straße. In dieser Zeit gründete er Nick Cave and the Bad Seeds und schrieb prägende Alben.7
Stammgast war er in der legendären Bar Risiko in der Yorckstraße, einem Treffpunkt der West-Berliner Subkultur. Die Berliner Jahre gelten als eine der produktivsten Phasen seiner Karriere.
8. Sarah Kuttner

- geboren 1979
- Funktion: Moderatorin und Autorin
- Friedrichshain-Bezug: in Friedrichshain geboren
- Bekannt für: ihre Sendungen bei VIVA
Sarah Kuttner wurde 1979 in Friedrichshain geboren, damals noch im Ostteil der Stadt. Ihren Durchbruch hatte sie ab 2001 als Moderatorin beim Musiksender VIVA, wo sie mit einer eigenen Late-Night-Show schnell bekannt wurde.8
Später wechselte sie zu größeren Sendern und etablierte sich zugleich als Romanautorin und Kolumnistin. Damit gehört sie zu den bekanntesten Medienpersönlichkeiten, die der Bezirk hervorgebracht hat.
9. Sven Marquardt

- geboren 1962
- Funktion: Fotograf und Türsteher
- Friedrichshain-Bezug: Türsteher am Berghain
- Bekannt für: das Gesicht der Berliner Clubkultur
Sven Marquardt wurde 1962 in Ost-Berlin geboren und arbeitete zunächst als Modefotograf für Zeitschriften wie die Sibylle. Mit dem Aufstieg des Clubs Berghain, der auf der Friedrichshainer Seite eines früheren Heizkraftwerks liegt, wurde er als dessen Türsteher weltbekannt.9
Sein markantes, tätowiertes Gesicht gilt vielen als Sinnbild der Berliner Nachtkultur. Zugleich blieb Marquardt als Fotograf aktiv und stellt seine Porträts international aus.
10. Sina Tkotsch

- geboren 1990
- Funktion: Schauspielerin
- Friedrichshain-Bezug: in Friedrichshain geboren
- Bekannt für: Film- und Fernsehrollen seit ihrer Kindheit
Sina Tkotsch wurde 1990 in Friedrichshain geboren und stand schon als Neunjährige vor der Kamera. Bekannt wurde sie durch Fernsehserien und Filme, darunter Dschungelkind aus dem Jahr 2011, in dem sie die Hauptrolle spielte.10
Für ihre Arbeit wurde sie unter anderem als Newcomerin für die Goldene Henne nominiert. Bis heute ist sie in deutschen Film- und Fernsehproduktionen präsent.
Ausblick
Was diese Personen verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Beruf als eine gemeinsame Haltung. Friedrichshain-Kreuzberg zog Menschen an, die sich nicht recht einordnen ließen, und es brachte selbst solche hervor. Vom Expressionismus über die Arbeiterbewegung bis zur Punk- und Clubkultur war der Bezirk immer ein Ort, an dem das Eigensinnige seinen Platz fand.
Viele der hier Genannten sind längst Geschichte, andere prägen die Stadt bis heute. Gemeinsam zeigen sie, dass der Ruf des Bezirks kein Klischee ist, sondern auf realen Biografien beruht. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, läuft ihnen noch immer über den Weg.