Friedrichshain-Kreuzberg liegt dort, wo sich Berlins industrielles 19. Jahrhundert, die Brüche des Zweiten Weltkriegs und die deutsche Teilung auf engstem Raum überlagert haben. Hier entstanden Kopfbahnhöfe und Hafenbecken, Brauereien und Fabriken an der Spree, und genau diese Dichte an Funktionen hat eine Dichte an Ruinen, Brachen und vergessenen Resten hinterlassen. Die Mauer schnitt mitten durch den Bezirk und legte ganze Uferstreifen still.
Wir gehen diesen verlorenen Orten nach, von der Portalruine eines abgerissenen Fernbahnhofs bis zu überwucherten Industriearealen und Grenzbauten am Wasser. Es geht um Geschichte und Spurensuche, nicht darum, zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Viele der hier beschriebenen Plätze liegen heute in öffentlichen Parks oder an Wegen, andere sind nur noch auf alten Fotos zu sehen.
Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.
- 1. Portikus Anhalter Bahnhof
- 2. RAW-Gelände
- 3. Böhmisches Brauhaus
- 4. Görlitzer Bahnhof
- 5. Cuvrybrache
- 6. Glashütte Stralau
- 7. Luisenstädtischer Kanal und Engelbecken
- 8. Postbahnhof am Ostbahnhof
- 9. Eierkühlhaus am Osthafen
- 10. Hinterlandmauer Mühlenstraße
- 11. Führungsstelle Schlesischer Busch
- 12. Pamukkale-Brunnen im Görlitzer Park
- Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
- Quellen
1. Portikus Anhalter Bahnhof

- Lage: Askanischer Platz, Kreuzberg
- Erbaut: 1872 bis 1880
- Abgerissen: 1959 bis 1960
- Heute: Portalruine als Mahnmal
Der Anhalter Bahnhof war einst das Tor zum Süden, von hier fuhren Züge nach Rom, Wien und Neapel ab. Die mächtige Hallenkonstruktion aus Glas und Eisen wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und trotz heftiger Proteste 1959 und 1960 abgerissen.1
Übrig blieb allein der dreiachsige Mittelportikus aus rotem Backstein, der heute am Askanischen Platz steht. Die Ruine ist denkmalgeschützt und erinnert zugleich daran, dass der Bahnhof in der NS-Zeit als Deportationsbahnhof diente.
2. RAW-Gelände

- Lage: Revaler Straße, Friedrichshain
- In Betrieb: 1867 bis 1995
- Status: Teils Brache, teils Kulturareal
- Highlight: Hochbunker und alte Werkhallen
Das Reichsbahnausbesserungswerk an der Revaler Straße war eine der wichtigsten Eisenbahnwerkstätten Berlins. Ein Luftangriff zerstörte 1944 große Teile des Areals, nach dem Krieg lief der Betrieb wieder an, ehe das Werk ab 1991 schrittweise stillgelegt wurde.2
Mitte der 1990er Jahre stand das Gelände weitgehend brach und wurde teils illegal genutzt. Zwischen den verwitterten Backsteinhallen und dem alten Hochbunker entwickelte sich später ein Kultur- und Clubareal, dessen Zukunft seit Jahren umkämpft ist.
3. Böhmisches Brauhaus

- Lage: Friedenstraße, Friedrichshain
- Gegründet: 1868
- Zerstört: 1945
- Heute: Saniertes Denkmal, Teile abgerissen
Das Böhmische Brauhaus entstand ab 1868 an der damaligen Landsberger Chaussee und war eine der großen Berliner Brauereien des 19. Jahrhunderts. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Anlagen weitgehend zerstört, eine Bierproduktion gab es danach an diesem Standort nicht mehr.3
Lange standen die denkmalgeschützten Reste leer und verfielen. Das erhaltene Brauhaus wurde um 2001 saniert, das anliegende Sudhaus und das Maschinenhaus fielen Anfang 2015 einer Wohnbebauung zum Opfer.
4. Görlitzer Bahnhof

- Lage: Görlitzer Park, Kreuzberg
- In Betrieb: 1866 bis 1951
- Abgerissen: 1961 bis 1967
- Heute: Park mit Bahnresten
Der Görlitzer Bahnhof war seit 1866 Endpunkt der Berlin-Görlitzer Eisenbahn und einer der großen Kopfbahnhöfe der Stadt. Bombenangriffe zerstörten die Anlage im Krieg schwer, der Personenverkehr endete 1951, und zwischen 1961 und 1967 wurde der Bahnhof schrittweise abgerissen.4
Auf dem brachgefallenen Gelände entstand Ende der 1980er Jahre der Görlitzer Park. Im Nordwesten erinnern noch ehemalige Güterschuppen an den Bahnbetrieb, und Senken im Gelände markieren die Lage alter Gleistrassen.
5. Cuvrybrache

- Lage: Cuvrystraße am Spreeufer, Kreuzberg
- Status: Jahrzehntelang brach
- Geräumt: 2014
- Heute: Neubebauung
An der Ecke Schlesische Straße und Cuvrystraße lag jahrzehntelang eine Brache direkt an der Spree, eingefasst von fensterlosen Brandwänden. Kriegszerstörung, Teilung und ausbleibende Investitionen ließen das Grundstück lange ungenutzt liegen.5
Auf dem überwucherten Areal entstand ab 2012 ein Hüttendorf mit zeitweise rund 200 Bewohnern, dazu die bekannten Cuvry-Graffiti an einer Brandwand. Nach einem Brand wurde die Brache 2014 geräumt, heute steht dort ein Büro- und Wohnneubau.
6. Glashütte Stralau

- Lage: Alt-Stralau, Friedrichshain
- In Betrieb: 1889 bis 1997
- Status: Teils abgerissen, teils erhalten
- Heute: Denkmal und Wohnareal
Auf der Halbinsel Stralau zwischen Spree und Rummelsburger See gründete sich 1889 eine Flaschenfabrik, die sich zum größten Industriebetrieb der Gegend entwickelte. Nach einem Unfall am letzten Schmelzofen endete die Glasproduktion 1997.6
Nach dem Abriss mehrerer Bauten erinnern noch das zentrale Verwaltungsgebäude und ein Werkstattbau an die Glashütte. Fast zwei Jahrzehnte stand das Areal leer, überwuchert und mit Graffiti bedeckt, belebt nur von inoffiziellen Partys, bevor die Reste saniert wurden.
7. Luisenstädtischer Kanal und Engelbecken

- Lage: Bethaniendamm bis Urbanhafen, Kreuzberg
- In Betrieb: 1852 bis 1926
- Zugeschüttet: 1926
- Heute: Grünanlage, Wasserrest am Engelbecken
Der Luisenstädtische Kanal verband ab 1852 die Spree mit dem Landwehrkanal und durchzog die Luisenstadt zwischen Kreuzberg und Mitte. Wegen Lärm, Geruch und geringen Verkehrs wurde er 1926 weitgehend zugeschüttet und in eine Gartenanlage umgewandelt.7
Mit dem Mauerbau 1961 verlief die Grenze entlang des nördlichen Kanalabschnitts, das Engelbecken wurde mit Trümmerschutt verfüllt und zur Sichtfläche im Grenzstreifen. Seit den 1990er Jahren ist die Anlage wiederhergestellt, das Engelbecken ist der einzige sichtbare Wasserrest des alten Kanals.
8. Postbahnhof am Ostbahnhof

- Lage: Straße der Pariser Kommune, Friedrichshain
- In Betrieb: 1907 bis nach 1990
- Status: Denkmal, teils umgebaut
- Highlight: Wasserturm und Drehscheibe
Der Postbahnhof am Ostbahnhof war von 1907 bis nach dem Krieg ein wichtiger Knotenpunkt des Bahnpostverkehrs für den Berliner Osten. Die langen Packkammerhallen dienten dem Umschlag von Paketen zwischen Schiene und Postbetrieb.8
Nach der Wiedervereinigung wurde der Postbahnhof außer Dienst genommen, Teile der Anlage wurden abgebaut. Erhalten und denkmalgeschützt sind die Packkammern, der markante Wasserturm und die alte Drehscheibe für die Lokomotiven, das Areal wird seit 2023 umgebaut.
9. Eierkühlhaus am Osthafen

- Lage: Stralauer Allee, Friedrichshain
- Erbaut: 1929
- In Betrieb: Kühlhaus bis Mitte der 1990er
- Heute: Saniert, Büronutzung
Das sogenannte Eierkühlhaus am Berliner Osthafen wurde 1929 nach Plänen von Oskar Pusch als Kühlhaus für verderbliche Waren eröffnet. Den Spitznamen verdankt es der Lagerung von rund 50 Millionen Eiern, die hier zwischengekühlt wurden.9
Nach dem Bedeutungsverlust des Osthafens stand der markante Backsteinbau an der Spree zeitweise leer. Seit dem Umbau Anfang der 2000er Jahre wird das Gebäude büromäßig genutzt, der benachbarte Osthafenspeicher hatte lange ein teilzerstörtes Dach.
10. Hinterlandmauer Mühlenstraße

- Lage: Mühlenstraße an der Spree, Friedrichshain
- In Betrieb: 1961 bis 1989 als Grenze
- Status: Denkmal seit den 1990ern
- Heute: East Side Gallery
Mit dem Mauerbau 1961 wurde die Spree zwischen Friedrichshain und Kreuzberg zum Grenzgewässer, der gesamte Fluss gehörte zu Ost-Berlin. Entlang der Mühlenstraße verlief die Hinterlandmauer, dahinter lagen Todesstreifen und vordere Sperrmauer am Wasser.10
Der 1,3 Kilometer lange Abschnitt der Hinterlandmauer blieb erhalten und wurde 1990 von Künstlern bemalt. Als East Side Gallery ist er heute das längste zusammenhängende Mauerstück und ein Relikt des einstigen Grenzregimes mitten in der Stadt.
11. Führungsstelle Schlesischer Busch

- Lage: Am Flutgraben, Grenze Kreuzberg/Treptow
- Erbaut: Ende der 1970er Jahre
- In Betrieb: bis 1990
- Heute: Denkmal, Ausstellungsturm
Am Flutgraben, der einstigen Grenze zwischen Kreuzberg und Treptow, steht ein rund zehn Meter hoher Beobachtungsturm aus DDR-Zeiten. Die Führungsstelle koordinierte von hier 18 Wachtürme und die elektronischen Sicherungsanlagen ihres Grenzabschnitts.11
Drei Tage vor dem offiziellen Ende der Grenzkontrollen 1990 wurde der Turm besetzt und zeitweise als Kunstort genutzt. Seit den frühen 1990er Jahren steht er unter Denkmalschutz und wird für Ausstellungen verwendet, der frühere Todesstreifen ist heute Parkfläche.
12. Pamukkale-Brunnen im Görlitzer Park

- Lage: Görlitzer Park, Kreuzberg
- Erbaut: Anfang der 1990er Jahre
- Status: Defekt, verwittert
- Heute: Steinkulisse ohne Wasser
Beim Umbau des ehemaligen Bahngeländes zum Görlitzer Park entstand Anfang der 1990er Jahre der Pamukkale-Brunnen, eine künstliche Sinterterrasse nach türkischem Vorbild. Über Stufen sollte Wasser kaskadenartig herabfließen.12
Schon nach wenigen Jahren versiegte das Wasserspiel, die Technik fiel aus und der Brunnen verfiel. Heute liegt die ausgebleichte Steinkulisse trocken und überwuchert im Park und gilt als eines der bekanntesten Lost-Place-Motive im Görli.
Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
Viele dieser Orte in Friedrichshain-Kreuzberg sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.
Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.