Wer auf der Oberbaumbrücke steht, steht auf einer Nahtstelle. Unter den Backsteintürmen fließt die Spree, und genau hier verlief fast drei Jahrzehnte lang die Berliner Mauer. Nördlich des Wassers lag Friedrichshain im Osten, südlich davon Kreuzberg im Westen. Heute trägt ein einziger Bezirk beide Namen.
Friedrichshain-Kreuzberg ist der jüngste Bezirk Berlins und zugleich einer mit der dichtesten Geschichte. Diese Chronik führt vom mittelalterlichen Ackerland vor den Stadttoren über die Mietskasernen der Gründerzeit und die Teilung im Kalten Krieg bis zu den Hochhäusern an der Mediaspree.
- Vor den Toren: Feldmark, Weinberg und Sandhügel
- Die Vorstädte wachsen: Stralauer und Tempelhofer Vorstadt
- 1821: Schinkels Denkmal gibt dem Berg seinen Namen
- Ab 1862: Mietskasernen, Industrie und Bevölkerungsexplosion
- 1920: Zwei dicht besiedelte Berliner Bezirke
- NS-Zeit, Verfolgung und Zwangsarbeit
- Ost und West: Die Sektorengrenze an der Spree
- 1961 bis 1989: Die Mauer und das andere Kreuzberg
- 2001: Aus zwei Bezirken wird einer
- Mediaspree, Wandel und die nächsten Jahre
- Quellen
Vor den Toren: Feldmark, Weinberg und Sandhügel
Die Geschichte des heutigen Bezirks beginnt nicht mit einer Stadt, sondern mit Ackerland. Wo heute Kreuzberg liegt, erstreckte sich im Mittelalter die Feldmark des Dorfes Tempelhof. Diese Ländereien südlich von Cölln gehörten zunächst dem Templerorden, der dem Ort Tempelhof seinen Namen gab.1
Nach der Auflösung des Templerordens fiel die Komturei Tempelhof 1318 an den Johanniterorden, der die Grundrechte 1435 an die Doppelstadt Berlin-Cölln verkaufte. Die Feldmark reichte von Marienfelde bis an die Cöllner Stadtgrenze, ungefähr am heutigen Mehringplatz.2
Mitten in dieser Ebene erhob sich ein flacher Sandhügel, der lange unterschiedliche Namen trug: Sandberg, Runder Weinberg und Tempelhofer Berg. Auf seinen Hängen wurde tatsächlich Wein angebaut. Erst im 19. Jahrhundert sollte dieser Hügel dem ganzen Bezirk seinen Namen geben.3
Auch im Norden, wo später Friedrichshain entstand, lag zunächst nur offenes Land vor der Stadtmauer. Östlich des Königstors begann die Stralauer Feldmark, durch die seit dem Mittelalter die Handelsstraße nach Frankfurt an der Oder führte, seit 1701 als "Frankfurter Linden" bekannt.4
Die Vorstädte wachsen: Stralauer und Tempelhofer Vorstadt
Ab dem 17. Jahrhundert dehnte sich Berlin über seine alten Tore hinaus aus. Östlich der Stadtgrenze, vor dem Stralauer Tor, entstand die Stralauer Vorstadt. Hier blieb es lange ländlich, geprägt von Gartenbau, Ausflugslokalen und kleinen Gewerbebetrieben.
Im Süden bildeten sich entlang der Ausfallstraßen die Tempelhofer Vorstadt und Teile der Luisenstadt heraus. Diese Quartiere füllten den Raum zwischen der eigentlichen Stadt und den Dörfern des Umlands. Noch um 1800 waren es überschaubare Siedlungen mit Feldern und Windmühlen dazwischen.5
Ein Park für das Volk
1840 beschloss die Berliner Stadtverordnetenversammlung, zum hundertsten Jahrestag der Thronbesteigung Friedrichs II. einen Park anzulegen. Die ältesten Teile des Volksparks Friedrichshain entstanden zwischen 1846 und 1848 nach Plänen von Gustav Meyer auf dem Gelände eines früheren Weinbergs.6
Der Park wurde bewusst als Erholungsraum für das einfache Volk angelegt, nicht für den Adel, und gilt damit als ältester Volkspark Berlins. 1848 entstand hier auch der Friedhof der Märzgefallenen für die Toten der Revolution. Aus dem Namen des Parks wurde später der Name des ganzen Stadtteils.
1821: Schinkels Denkmal gibt dem Berg seinen Namen
1818 legte König Friedrich Wilhelm III. auf dem höchsten Punkt des Tempelhofer Berges den Grundstein für ein Nationaldenkmal. Es sollte an die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 gegen die napoleonische Besatzung erinnern.7
Den Entwurf lieferte Karl Friedrich Schinkel in Form einer gotischen Turmspitze aus Gusseisen, inspiriert vom Kölner Dom. Am 30. März 1821, dem Jahrestag des Einzugs in Paris, wurde das Denkmal eingeweiht. Zwölf gusseiserne Genien an den Außenseiten stehen für die Schlachten der Befreiungskriege.
Ein Kreuz wird zum Bezirksnamen
Das Denkmal trägt an seiner Spitze ein eisernes Kreuz. Nach diesem Kreuz auf dem Berg benannten die Berliner zuerst den Hügel "Kreuzberg" und später den ganzen Bezirk. Ab 1888 entstand zu Füßen des Denkmals der Viktoriapark mit einem 24 Meter hohen künstlichen Wasserfall.
Ab 1862: Mietskasernen, Industrie und Bevölkerungsexplosion
Die Industrialisierung verwandelte die ruhigen Vorstädte innerhalb weniger Jahrzehnte in dicht bebaute Arbeiterviertel. Grundlage war der Bebauungsplan des Ingenieurs James Hobrecht, der am 2. August 1862 in Kraft trat und ein riesiges Areal in regelmäßige Baublöcke einteilte.8
Auf diesen Blöcken entstanden die berüchtigten Berliner Mietskasernen, fünf bis sechs Stockwerke hoch, mit tief gestaffelten Hinterhöfen. Viele Wohnungen waren dunkel, feucht und überbelegt, weil Spekulationsgewinn vor Licht und Hygiene ging. Bis heute prägen diese Häuser das Bild von Kreuzberg und Friedrichshain.
Der Zuzug war gewaltig. Berlins Einwohnerzahl stieg von rund 172.000 im Jahr 1800 auf über 1,9 Millionen im Jahr 1919. Ein großer Teil dieser Menschen drängte sich in den engen Quartieren östlich und südlich der Altstadt. Mehr zur heutigen Bevölkerung findest du in unserem Überblick zu den Einwohnern von Friedrichshain-Kreuzberg.9
Der Frankfurter Bahnhof und die Fabriken
1842 ging der Frankfurter Bahnhof in der Stralauer Vorstadt in Betrieb, der spätere Ostbahnhof. Bahnhof und Wasserwege machten den Osten zum Industriestandort, Fabriken und Mietskasernen verdrängten die alten Gärten.
So wurden beide Teile des heutigen Bezirks zu klassischen Arbeitervierteln. In der Luisenstadt lebten um 1910 zeitweise bis zu 60.000 Menschen auf einem einzigen Quadratkilometer, eine der höchsten Bevölkerungsdichten im gesamten Großraum Berlin.
1920: Zwei dicht besiedelte Berliner Bezirke
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz wurden 1920 die selbstständigen Städte und Landgemeinden rund um Berlin zu einer Einheitsgemeinde zusammengeschlossen. Aus den alten Vorstädten entstanden dabei eigene Verwaltungsbezirke.10
Der Bezirk Friedrichshain umfasste den größten Teil der Stralauer Vorstadt, einen Teil der Königsstadt sowie Stralau. Der südlich gelegene Bezirk hieß zunächst "Hallesches Tor" und vereinte die Tempelhofer Vorstadt, die südliche Friedrichstadt und einen großen Teil der Luisenstadt. Kurz darauf wurde er nach seinem höchsten Punkt in "Kreuzberg" umbenannt.11
Die vollsten Bezirke der jungen Metropole
Bei der Gründung von Groß-Berlin 1920 zählte Friedrichshain rund 326.000 und Kreuzberg etwa 366.000 Einwohner. Damit standen die beiden späteren Stadtteile an der Spitze der Einwohnerstatistik der neuen Bezirke.
Anders als das wohlhabende Berliner Zentrum blieben beide Bezirke geprägt von Arbeitern, kleinen Handwerkern und Zuwanderern. Diese soziale Mischung sollte die politische Geschichte des Gebiets über ein Jahrhundert lang prägen.
NS-Zeit, Verfolgung und Zwangsarbeit
Nach 1933 wurden auch Friedrichshain und Kreuzberg Schauplatz der nationalsozialistischen Verfolgung. 1933 lebten allein in Kreuzberg rund 6.000 jüdische Menschen. Ab Oktober 1941 begannen die systematischen Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager.12
Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden enteignet, ihre Bewohner verschleppt und ermordet. Bis 1945 fuhren Deportationszüge vom nahen Anhalter Bahnhof, viele der Verschleppten waren ältere Menschen.
Zwangsarbeit in den Betrieben
Mit Kriegsbeginn ersetzten Zwangsarbeiter die eingezogenen Männer in den Fabriken. In Friedrichshain und Kreuzberg gab es zahlreiche Lager und Einsatzstellen. Die Schuhfabrik Salamander in Kreuzberg etwa lagerte und reparierte gebrauchte Schuhe, vielfach aus Konzentrations- und Vernichtungslagern, und beschäftigte dafür zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.13
Zerstörung 1945
Die dichte Bebauung machte beide Bezirke zu verwundbaren Zielen der Luftangriffe. Besonders schwere Bombardements trafen den Bezirk im Februar 1945. In den letzten Kriegswochen tobten zudem heftige Straßenkämpfe, als die Rote Armee auf das Zentrum vorrückte. Große Teile der alten Mietskasernenviertel lagen am Kriegsende in Trümmern.14
Ost und West: Die Sektorengrenze an der Spree
Nach 1945 teilten die Siegermächte Berlin in vier Sektoren. Diese Aufteilung legte den Grundstein für die spätere Trennung des heutigen Bezirks: Friedrichshain kam zum sowjetischen Sektor und wurde Teil von Ost-Berlin, Kreuzberg zum amerikanischen Sektor und damit Teil von West-Berlin.15
Die Grenze zwischen beiden verlief über weite Strecken entlang der Spree. Zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof gehörte das Wasser vollständig zu Ost-Berlin, während das südliche Ufer in Kreuzberg lag.16
Aufbau im Osten, Aufbruch im Westen
In Friedrichshain entstand das wohl bekannteste Bauprojekt der frühen DDR. Aus der Großen Frankfurter Straße wurde 1949 die Stalinallee, ein monumentaler Boulevard im sozialistischen Zuckerbäckerstil. Auf ihren Baustellen begann am 16. Juni 1953 ein Streik der Bauarbeiter, der sich am 17. Juni zum Volksaufstand in der gesamten DDR ausweitete und von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurde.17
1961 wurde die Stalinallee in Karl-Marx-Allee umbenannt. In Kreuzberg dagegen rückte die Mauer das einst zentrale Quartier an den westlichen Stadtrand. Viele Altbauten verfielen, die Mieten blieben niedrig, und ab den 1960er Jahren zogen verstärkt Arbeitsmigranten vor allem aus der Türkei in die Mietshäuser des Quartiers SO 36.18
1961 bis 1989: Die Mauer und das andere Kreuzberg
Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde die Oberbaumbrücke für den Verkehr gesperrt und auch die U-Bahn unterbrochen. Erst ab 1972 durften Fußgänger sie wieder als Grenzübergang nutzen.
Weil die Spree zu Ost-Berlin gehörte, das Kreuzberger Ufer aber zum Westen, kam es am Wasser zu Tragödien. Mehrere Kinder aus Kreuzberg, darunter der fünfjährige Çetin Mert, ertranken in der Spree, weil Helfer aus dem Westen sie in dem zu Ost-Berlin gehörenden Fluss nicht bergen durften.
Häuserkampf und 1. Mai
Die Politik des Flächenabrisses, die billige Wohnungen und gewachsene Nachbarschaften zerstörte, stieß ab Ende der 1970er Jahre auf wachsenden Widerstand. 1979 begannen erste Instandbesetzungen, um den Verfall aufzuhalten. Um die Jahreswende 1980/81 erfasste die Hausbesetzerbewegung ganz Kreuzberg.
Die Auseinandersetzungen um Sanierung, Mieten und Spekulation eskalierten am 1. Mai 1987 in schweren Straßenschlachten in Kreuzberg. Der "revolutionäre 1. Mai" wurde danach für Jahre zum festen Ritual und prägte das Image des Bezirks als Brennpunkt sozialer Konflikte.
Als die Chaoten Kreuzberg retteten.
2001: Aus zwei Bezirken wird einer
Mit dem Mauerfall 1989 verschwand die Grenze an der Spree. Friedrichshain und Kreuzberg, jahrzehntelang durch Stacheldraht getrennt, lagen plötzlich Ufer an Ufer wieder im selben Stadtraum.19
Die Berliner Bezirksreform reduzierte die Zahl der Bezirke von 23 auf 12. Am 1. Januar 2001 wurden Kreuzberg und Friedrichshain zum neuen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg vereinigt, getrennt allein durch die Spree.
Die Fusion war umstritten. Im Abgeordnetenhaus kam die Reform nur mit der denkbar knappsten Mehrheit zustande. Und auf der Oberbaumbrücke trugen Aktivisten von 1995 bis 2006 alljährlich eine Gemüseschlacht aus, eine ironische Tradition gegen die Zusammenlegung der ungleichen Nachbarn.20
Mediaspree, Wandel und die nächsten Jahre
Nach 2001 wurde Friedrichshain-Kreuzberg zum Symbol des Berliner Wandels. Die niedrigen Mieten, die leeren Industrieflächen am Wasser und das alternative Image lockten zuerst Clubs und Kreative, dann Investoren und Touristen. Heute zählt der Bezirk zu den am stärksten gentrifizierten Gebieten der Stadt, was sich auch im Mietspiegel niederschlägt.21
Streit um die Mediaspree
Am sichtbarsten ist der Konflikt an der Spree. Unter dem Namen Mediaspree planten Investoren auf rund 180 Hektar zwischen Jannowitzbrücke und Elsenbrücke neue Bürotürme, Hallen und Hotels. Am 13. Juli 2008 sprachen sich beim Bürgerentscheid "Mediaspree versenken" fast 90 Prozent der Teilnehmer gegen die dichte Uferbebauung aus.22
Der Entscheid forderte 50 Meter Abstand vom Ufer, einen durchgehenden öffentlichen Uferweg und keine Hochhäuser. Doch weil viele Grundstücke bereits Baurecht hatten, blieben die Forderungen weitgehend unerfüllt. An der East Side Gallery, dem längsten erhaltenen Mauerstück, lösten Baulücken für ein Investorenprojekt 2013 massive Proteste aus.
Was bleibt, was kommt
Der Bezirk ringt bis heute um eine Balance zwischen Aufwertung und Verdrängung. Milieuschutzgebiete, ein angespannter Wohnungsmarkt und hohe Lebenshaltungskosten stehen einer lebendigen Kultur- und Clubszene gegenüber. Wie sich Einwohnerzahl und Sozialstruktur entwickeln, zeigen die Zahlen in unserer Bezirksstatistik.
Was sich nicht ändert, ist die Lage an der Spree. Der Fluss, einst Sektorengrenze und Todesstreifen, ist heute die Lebensader und der größte Streitpunkt eines Bezirks, der aus zwei sehr verschiedenen Hälften zusammengewachsen ist.